Wuppertal. Der Wuppertaler Jannik Giesen hat eine außergewöhnliche sportliche Herausforderung gemeistert: Im Rahmen einer sogenannten „Everest-Challenge“ erklomm er Ende Januar eine Halde in der Lüntenbeck so oft, bis er die Höhe des Mount Everest – 8.848 Höhenmeter – erreicht hatte. Für diese Leistung benötigte der 35-jährige Extremwanderer insgesamt 17 Stunden. Dabei bewältigte er 350 Auf- und Abstiege auf dem 25 Meter hohen Hügel, legte eine Strecke von 96 Kilometern zurück und war vollständig auf sich allein gestellt.
Herausforderung bei Wind und Wetter
Die Bedingungen an diesem Tag waren alles andere als günstig: Dauerregen, Kälte und Wind erschwerten die körperliche Belastung zusätzlich. Auf dem höchsten Punkt der künstlichen Erhebung richtete Giesen eine kleine Versorgungsstation ein – ausgestattet mit Wasser, Nüssen, Obst, einer Stirnlampe und Wechselkleidung. Trotz der ungewöhnlichen Aktivität blieb er unbeachtet von Passantinnen und Passanten, die auf dem nahegelegenen Weg unterwegs waren.
Leidenschaft für extreme Distanzen
Jannik Giesen ist kein Unbekannter in der Szene der Extremsportler. Seit über zehn Jahren widmet er sich intensiv dem Ultrawandern – einer Disziplin, bei der Wanderstrecken absolviert werden, die deutlich über die übliche Tagesdistanz hinausgehen. Dabei ist er in der Regel mit einer zügigen Gehgeschwindigkeit von sieben bis neun Kilometern pro Stunde unterwegs. Anders als beim Laufen geht es beim Ultrawandern weniger um Geschwindigkeit, sondern um die Ausdauer über viele Stunden und Kilometer hinweg.
Seine ersten Erfahrungen mit dem Weitwandern machte Giesen im Alter von 25 Jahren. Ohne spezifische Vorbereitung legte er innerhalb von 20 Tagen eine 1.000 Kilometer lange Strecke rund um den dänischen Festlandteil zurück. Diese erste Tour unter schwierigen Bedingungen prägte ihn nachhaltig – trotz körperlicher Schmerzen und ungünstiger Wetterlagen setzte er seine Entwicklung zum Extremwanderer fort.
Touren quer durch Europa
In den folgenden Jahren absolvierte Giesen zahlreiche bemerkenswerte Touren. So wanderte er 2015 von Köln bis zur schottischen Insel Skye und überquerte 2017 auf dem Weg von Venedig nach Köln die Alpen. 2019 führte ihn eine mehrmonatige Tour über 3.000 Kilometer von Wuppertal bis nach St. Petersburg. Auf dieser Route durchquerte er unbeabsichtigt eine gesperrte Grenzzone zwischen Estland und Russland und wurde dort zeitweise von der Polizei festgesetzt.
Einen weiteren Höhepunkt erreichte Giesen 2022, als er innerhalb von 24 Stunden den 170 Kilometer langen Rennsteig in Thüringen bewältigte und sich damit den Titel des Wanderweltmeisters sicherte.
Extremsport als Lebensphilosophie
Trotz seiner sportlichen Erfolge betrachtet Giesen das Ultrawandern nach wie vor als intensives Hobby. Beruflich ist er als Projektleiter bei der Deutschen Bahn tätig und nutzt seine Freizeit – sei es am Wochenende, im Urlaub oder vor der Arbeit – für ausgedehnte Wandertouren. Täglich legt er bis zu 20 Kilometer zurück, häufig bereits in den frühen Morgenstunden.
Die Idee zur „Everest-Challenge“ entstand spontan: Von seiner Wohnung aus überblickt er die Lüntenbecker Halde, die er kurzerhand als Trainings- und Wettkampfgebiet nutzte. Mit dieser symbolischen Besteigung wollte Giesen nicht nur seine körperlichen Grenzen ausloten, sondern auch das Erlebnis der Fortbewegung zu Fuß in den Mittelpunkt rücken.
Für ihn sind es gerade die extremen Bedingungen, die eine besondere Faszination ausüben. Die intensive körperliche und mentale Belastung, das bewusste Erleben jedes Schritts und der unmittelbare Kontakt zur Umwelt verleihen diesen Wanderungen eine Tiefe, die für ihn weit über die sportliche Leistung hinausgeht.
Wanderer aus Wuppertal bezwingt 8.848 Höhenmeter auf Halde in Lüntenbeck
Jannik Giesen Facebook/CCA